Marken-Kohärenz gehört in die Tokens
Für alle, die Designsysteme verantworten: warum die Kohäsions-Debatte oft am falschen Layer geführt wird und was sich ändert, wenn man Tokens verwaltet statt Komponenten.
Ich habe gestern einen klugen Text gegen föderierte Designsysteme (EN) gelesen. Beim Kern stimme ich zu: Föderation ist meist ein Kostenreflex, und wo alle nur für ihren Bereich verantwortlich sind, ist es am Ende niemand für das Gesamtbild zuständig. Marken-Kohäsion braucht Ownership.
Zwei Beobachtungen aus unserer Arbeit setzen den Akzent anders.
Die erste betrifft den Vorwurf der „spreading sameness" – KI mache alle Produkte gleich. Er trifft eine Ebene, auf der Einheitlichkeit ohnehin das Ziel ist: Buttons, Eingabefelder, die Interaktionsmuster, die ein Nutzer wiedererkennen soll. Das ist User Experience, und dort war Uniqueness nie der Punkt. Marke entsteht eine Ebene höher – in Echtzeit, in der Bildwelt, im Charakter, in der Emotion. Genau dort hält einen nichts davon ab, völlig neue, ungesehene Gestaltung zu erzeugen. Die Sameness-Sorge verwechselt die beiden Ebenen; auf der Marken-Ebene ist sie unbegründet.
Die zweite betrifft die Frage, warum Unternehmen überhaupt die Föderation von Designsystemen zulassen. Nicht aus Faulheit. Designsysteme sind angetreten, Komplexität in einer heterogenen IT-Landschaft zu bändigen: ein System für alle. Nur hat kein Unternehmen eine IT aus einem Guss. Mit jeder neuen Anforderung wuchs das System, bis es selbst zum Umsetzungsmonster wurde – Pflegekosten, ganze Teams für Governance-Prozesse, zähe Abstimmungsrunden und das, was ich Figma-Akrobatik nenne: Jede Komponente wird erst in Figma bis ins Verhalten durchgebaut und danach im Frontend ein zweites Mal. Wer so arbeitet, muss sich über Skepsis nicht wundern. Wir nennen dieses Risiko „dead by delivery": Ein Designsystem stirbt nicht am schlechten Design, sondern am Gewicht seiner eigenen Auslieferung.
Deshalb haben wir uns bei CX Central, dem neuen Brand Runtime System auf die Tokens konzentriert, nicht auf die Komponenten. Tokens sind klein, einfach, zentralisierbar. Komponenten werden durch Tokens gestylt zur Ausgabe, die pro Framework und Werkzeug neu entsteht. Das verteilt keine Verantwortung – es verkleinert, was zentral gehalten werden muss, und macht genau die zentrale Ownership wieder bezahlbar. Konsistenz bleibt in der Mitte - das Rendering verteilt sich.
Na klar - auch CX Central macht niemanden zum guten Gestalter. Auch mit den richtigen Tokens lässt sich weiter Schrott produzieren. Was ein Token- und Orchestrierungssystem leisten kann, ist Kohärenz über das Ganze – der Qualitäts-Anspruch, einmal angelegt und bei jeder Auslieferung eingehalten. Nicht per Hand, sondern per API oder als Briefing für ein AI-Coding Agent.
Die Zentralisierung von Design ist ein gutes Argument für den Start, aber ein unerreichbares Ziel, bei dem es, mit steigendem Geltungsbereich und Reichweite fast immer zu einer Implosion kommt. Von dort ist es nicht weit bis zur Sebstauflösung. Viele Designsysteme folgen einem Reifegradmodell vom ambitionierten Start, bis zum teuren Crash. Es ist dringend notwendig mit der Erfahrung der letzten Jahre kritsich mit dieser eigentlich so gut gedachten Lösung umzugehen.