Markenwert steht in der Bilanz. Was ihn erzeugt, nicht.

06.07.2026 / Felix Guder

Markenwert steht in der Bilanz. Der Mechanismus, der ihn erzeugt, fast nie auf der Führungsagenda.

Markenwert steht in der Bilanz. Was ihn erzeugt, nicht.

Fast jede Geschäftsführung, mit der ich arbeite, denkt über Marke in einer bestimmten Form nach: als Wert. Markenwert wird bilanziert, in M&A-Prozessen bewertet, in Vorstandssitzungen als Kennzahl zitiert. Steigt er, ist das gut. Sinkt er, wird nachgefragt. Was in denselben Räumen fast nie explizit verhandelt wird, ist der Mechanismus, der diesen Wert erzeugt: die Kombination aus Marktkategorie und der Position, die eine Marke darin besetzt – und vor allem das, was tatsächlich in den Köpfen der Marktteilnehmer passiert. Das lässt sich aus Marktanteilszahlen grob herausrechnen, aber genau an dieser Stelle wird es unscharf. Meiner Erfahrung nach fehlt dieses Wissen in Führungsetagen nicht selten explizit – nicht weil es niemanden interessiert, sondern weil es nirgends zur Chefsache gemacht wurde. Wenn es überhaupt beobachtet wird, dann meist isoliert beim CMO, nicht als geteiltes Führungswissen. Das ist kein neuer Gedanke. Al Ries und Jack Trout haben ihn 1981 in „Positioning: The Battle for Your Mind" formuliert: Eine Marke gewinnt nicht durch das, was sie ist, sondern durch die Position, die sie im Kopf des Kunden besetzt – relativ zum Wettbewerb. Was seither dazugekommen ist, ist Messbarkeit. Byron Sharp und das Ehrenberg-Bass Institute haben mit dem Konzept der „mental availability" gezeigt, dass sich genau dieser Mechanismus tatsächlich erheben lässt: wie leicht eine Marke in einer Kaufsituation abgerufen wird, und über welche Category Entry Points das passiert. Das Wissen ist da. Es hat nur selten den Weg vom CMO-Dashboard auf die Vorstandsagenda gefunden. ## Im B2B ist es noch unschärfer Bei B2B-Unternehmen sehe ich das Problem oft in verschärfter Form. Durch die enge Bindung an wenige, namentlich bekannte Kund:innen wird Marke faktisch zur Beziehungsarbeit mit einer Handvoll Menschen – Einkauf, Fachbereich, vielleicht ein Beirat. Was jenseits dieser Beziehungen im breiteren Markt über das Unternehmen entsteht, ist damit komplett unkontrolliert. Es gibt keine Kategorie-Position, die verteidigt wird, weil niemand sie beobachtet. Wächst der Markt oder wechselt die Ansprechperson, steht das Unternehmen ohne jede Verankerung da, die über die einzelne Beziehung hinausreicht. ## Was KI-native Markenpositionierung intern verändert Unternehmen, die Markenpositionierung KI-nativ denken, gewinnen zunächst einmal ganz grundlegende Fähigkeiten: bessere Analysemöglichkeiten über das, was tatsächlich in den Köpfen von Markt und Kundschaft passiert, automatisierbare Kommunikationsprozesse, schnellere Reaktion auf Verschiebungen. Mit CX Central, unserem Brand Runtime System, kommt eine konkrete Ausprägung davon hinzu: 1-zu-1-Kommunikation, die trotzdem markenkonsistent bleibt, einfacheres Management und Steuerung des visuellen Vokabulars, mehr Spielraum in der markengerechten Kommunikation über mehr Kanäle – und am Ende: mehr Konsistenz, nicht weniger. Als AI Business Studio unterscheiden wir dabei zwei Sorten Wert, die sich mit KI erzeugen lassen – Value for Token, wenn man so will. Die eine Sorte lässt sich sofort in Geld zählen: Effizienz, Produktivität, Automatisierung bekannter Abläufe. Wichtig, aber ehrlich gesagt die Hälfte, die uns langweilt. Die andere Sorte zahlt sich erst später aus: eine bessere Position im Markt, Kundschaft, die wirklich besser bedient wird, Innovation, die etwas Neues möglich macht statt nur Bekanntes billiger. Das ist eine Zukunftsinvestition, kein sofortiger Effekt. Die meisten der eben genannten Vorteile, auch die von CX Central, gehören noch zur ersten, langweiligeren Sorte. Der eigentliche Hebel für die zweite liegt eine Ebene höher – in der Positionierung selbst, nicht im Werkzeug. ## Was wir bei R3ASON tatsächlich bauen Der Fokuspunkt ist First to Mind – die zentrale Botschaft für die strategische Positionierung. Damit das trägt, braucht es aus meiner Sicht drei ineinandergreifende Ebenen, nicht eine. Am Anfang steht eine klare Positionierungsstrategie: Marke, eng verzahnt mit Purpose, Vision, Mission und Geschäftsmodell abgeleitet, nicht danebengestellt. Wir arbeiten das in einem datengestützten Prozess heraus, in dessen Zentrum das Brand Positioning Board steht – im Studio auch als Brand-Impuls-Modell bezeichnet. Erst wenn dieses Modell steht und die Führung darauf ausgerichtet ist, geht es in die Umsetzung – und die hat zwei Seiten. Die eine ist das visuelle Vokabular und die Experience: CX Central. Die andere ist Tonalität und Charakter, also das Verhalten der Marke, auch in der Customer Experience – dafür entwickeln wir das Brand Protocol, das auf Prozessebene markenrelevante Regeln und Anweisungen enthält, mit denen sich CRM- und Customer-Success-Systeme steuern lassen. Darüber liegt die dritte Ebene: eine Monitoring-Plattform, die wir studiointern als Brand Intelligence bezeichnen und die im Category Lab bereits als Werkzeug entsteht. Sie interpretiert Daten, die zeigen, ob die Positionierung trägt – Kategorie-Fit, Vertrauen, Drift von der gewünschten Kategorie. Zusammen bilden diese drei Ebenen – Kundensicht (CX), Prozessebene (CRM/Brand Protocol) und Bedeutungsebene (Brand Intelligence) – die Voraussetzung dafür, dass sich modernes, KI-getriebenes Markenmanagement überhaupt einführen lässt. Und weil sich vieles davon automatisieren lässt, wird es dazu noch deutlich effizienter als klassische Markenführung: weniger Stakeholder im Prozess, engere Verzahnung mit angrenzenden Funktionen. Am weitesten entwickelt ist heute CX Central. Brand Protocol und Brand Intelligence sind erkennbar, aber jünger. Wichtig ist mir trotzdem, das offen zu sagen: CX Central ist nicht die Antwort auf alles. Es ist ein Impulsgeber, eng vernetzt mit dem Brand Protocol – und über offene Schnittstellen ansprechbar für Systeme, die längst im Einsatz sind, etwa das eigene CRM. ## Warum First to Mind jetzt wichtiger wird, nicht weniger Genau vor diesem Hintergrund wird First to Mind – die Disziplin, in den Köpfen der Marktteilnehmer eine Kategorie und eine Position zu besetzen, bevor es jemand anderes tut – nicht optional, sondern zur einzigen verlässlichen Konstante. Wenn KI jede Ausführung kopieren kann, verschiebt sich der Wert von der Ausführung auf die Bedeutungsebene. Was eine Marke im Kopf des Marktes ist, kann KI nicht kopieren. Wer sich als Marktführer in dieser Bedeutung festgesetzt hat, wird seine Position auch gegen viele Nachahmer behaupten können. Marke wird zum Moat – im Sinne des Begriffs aus der Investorensprache: ein Burggraben, der einen Vorsprung dauerhaft verteidigt, statt ihn nur einmalig zu erzielen. Für viele Unternehmen bedeutet das eine Umstellung, aber die Investition in die Marke wird damit zur Pflicht, nicht zur Kür. Das ist eigentlich nichts Neues – neu sind die Risiken, die entstehen, wenn man die eigene Marke vernachlässigt. Ein Moat ist außerdem kein Naturgesetz: Auch etablierte Marktführer verlieren ihre Position, wenn eine neue Kategorie entsteht, die sie selbst nicht besetzt haben. Der Burggraben schützt die Position, die man hat – er verschafft keine automatische Berechtigung auf die nächste. Und eine Position verteidigt sich nicht von selbst, sie wird verteidigt von der Kundschaft, die man sich dafür aussucht. First to Mind heißt für mich deshalb auch: die Kundschaft zu finden, die eine Positionierung durch ihre eigene Dynamik nach vorne treibt – die durch hohe Ansprüche, echtes Feedback und eigenes Wachstum die gewählte Position schärft, statt sie nur zu verwalten. Ein Moat, der von bequemer statt anspruchsvoller Kundschaft gehalten wird, verkalkt irgendwann von innen. Das steht nicht im Widerspruch zu Sharps Argument für breite Reichweite, sondern beschreibt eine andere Phase. Everett Rogers hat mit seiner Diffusionstheorie (1962) gezeigt, dass sich Neues nicht direkt in der Masse durchsetzt, sondern zuerst über eine kleinere Gruppe – Rogers nennt sie Innovatoren und frühe Adoptoren, oft selbst Meinungsführer –, von der aus es sich über soziale Strukturen in die breitere Mitte des Marktes weiterverbreitet. Eine Marke, die mit Masse startet, überspringt genau diese innere Struktur, über die sich Position und Vertrauen von Gruppe zu Gruppe weitertragen. Erst wenn dieser Kern steht, trägt breite Reichweite überhaupt etwas – vorher verpufft sie. Das ist der Grund, warum ich First to Mind nicht als Gegenentwurf zu KI verstehe, sondern als das, was KI erst nutzbar macht. Ein System ohne klaren Kern wird durch KI nicht befähigt, sondern entlarvt – schneller, öfter, überall gleichzeitig. Ein System mit klarem Kern wird durch KI potenziert: dieselbe Klarheit, plötzlich in jeder Situation, in jedem Kanal, in Echtzeit ausgespielt. Ich bin mir nicht sicher, ob sich diese Verschiebung in jeder Branche gleich schnell entfaltet. In stark regulierten oder sehr langsamen Märkten wird es länger dauern, bis der Boden spürbar kippt. Aber ich glaube nicht, dass es Branchen gibt, in denen sie ausbleibt. ## Was daraus folgt Im Studio arbeiten wir deshalb an allen drei Ebenen gleichzeitig, nicht nacheinander: der Klarheitsarbeit selbst (Brand Positioning Board), ihrer Ausführung über Kanäle und Verhalten (CX Central, Brand Protocol) und ihrer Kontrolle (Brand Intelligence). Keine Ebene ersetzt die andere, und keine davon ist für sich allein das ganze Versprechen.